Ilse Aichinger- Zuleben ist nicht wichtig

Ein Nachwort nach ein paar Tagen? Der Gedanke kam mir als ich in der örtlichen Zeitung einen Artikel über Ilse Aichinger las. Zudem passt es etwas weiter gefasst zu Chika Sagawa, die sich in ihren Gedichten u.a mit Charles Reznikoff beschäftigt hatte. Er war ein US-amerikanischer Poet und der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer. Zeit seines Lebens hat Reznikoff eine zurückgenommene, gewissermaßen in der Anonymität verwurzelte Existenz einer Karriere vorgezogen.

 

Sie sahen meinen Großvater-

Einen kleinen, gebrechlichen Juden mit einem kurzen,

grauen Bärtchen, vom kalten Wind zersaust

 

 

Ein kurzes Porträt über eine Autorin, über die es so viel zu erzählen gibt:

Ilse Aichinger war eine österreichische Schriftstellerin und gilt als die bedeutendste Repräsentantin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. In ihren Werken rief sie zur Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen auf und sprach sich gegen falsche Harmonie und Geschichtsvergessenheit aus.

Diese Vergessenheit erinnert mich an Irmgard Keun, die nach dem Krieg nicht mehr richtig Fuß fasste und dieses Schweigen nach dem Krieg nicht verstehen konnte.

Ilse Aichinger gehörte ab 1951 zur „Gruppe 47“, die sich zur gegenseitigen Kritik der vorgelesenen Texte trafen und der Förderung junger, unbekannter Autoren. Der in demokratischer Abstimmung ermittelte Preis der Gruppe 47 erwies sich für viele Ausgezeichnete als Beginn ihrer literarischen Karriere.

Für ihre Gedichte, Erzählungen und Hörspiele wie „Knöpfe“ wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Immer wieder musste sie über die politischen Erfahrungen ihrer Kindheit und der Jugend  erzählen.

 

Es ist eine Kunst des Verschwindens, die Ilse Aichinger aus dem Schrecken der Geschichte gemacht hat. In Wien musste die Autorin im Jahre 1942 mitansehen, wie ihre Großmutter und andere Angehörige deportiert wurden. Ihre Zwillingsschwester Helga hat es mit einem der letzten Hilfstransporte nach England geschafft. Ilse aber und ihre Mutter überlebten, sich klein machend, in der Stadt. Geschützt wurden die beiden lediglich von einer absurden Widersprüchlichkeit in der nationalsozialistischen Gesetzgebung. Die Verantwortlichkeit einer Alleinerzieherin für ihr Kind wurde dabei vor die Bestimmungen der Rassengesetze gestellt. In geduckter Haltung verharrten die beiden jahrelang. Unter der ständigen Bedrohung, dass es sie jederzeit treffen könnte. (zeit.de)

 

 

Nein, sie habe den Krieg als ihre glücklichste Zeit erlebt. Die Hoffnung habe da noch gelebt, das böse Erwachen sei ernst später gekommen. Ihr Leben nach dem Krieg war von Schicksalsschlägen und Verlusten geprägt. Immer mehr zog sie sich mit der Zeit von Welt ab. Ihre Texte wurden im Laufe der Zeit immer kürzer. Die Wartezeiten bis zum nächsten länger. Ihre eigenwillige, geheimnisvolle verrätselte Sprache verband Ilse Aichinger mit analytischer Beobachtung und poetischer Kraft offen oder in schonungslosen Metaphern. Resultierte daraus ihre Todessehnsucht?

 

Ich habe es immer als eine Zumutung empfunden, dass man nicht gefragt wird, ob man auf die Welt kommen will. Ich hätte es bestimmte abgelehnt.

Ihre Literatur ist Widerstand. Gegen Unrecht, Gewalt, Verlogenheit, auch in Zeiten scheinbaren Frieden, auch in uns selbst.

Ilse Aichinger starb im Alter von 95 Jahren gestorben.

mn5jwx7

                                                    Man versäumt immer nur sich selbst.

Ilse Aichinger

 

Youtube:

Filmvorstellung : Wo ich wohne –Ein Film für Ilse Aichinger.

https://www.youtube.com/watch?v=p3p-Tuk_VqA

 

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ilse_Aichinger

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/michael-krueger-zum-tod-von-ilse-aichinger-schamanin-heilerin-dichterin-14524682.html

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article159443764/Bloss-keine-Verschoenerung-bloss-keine-Luegen.html

http://www.tagesspiegel.de/kultur/nachruf-ilse-aichinger-ilse-aichinger-die-jahrhundertzeugin/14832786.html

http://www.planetlyrik.de/ilse-aichinger-verschenkter-rat/2013/03/

 

Nächste Folge: Charles Reznikoff “Jerusalem und wie Chika Sagawa dieses bearbeitet hat.

Advertisements

2 Gedanken zu “Nichiyo Sonntagsgedanken 20.11.2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s