God Bless You

Heute möchte ich mit den dritten Teil die Bärengeschichte beenden. Danke fürs Lesen, und ein wenig Interesse an Hiromi Kawakami wecken.

 

 3.God Bless You (ursprüngliche Geschichte)

Der Bär lud mich zu einem Spaziergang am Fluss ein. Als Geste des guten Willens. Ich bin schon einmal dort entlang gegangen, zu Beginn des Frühlings, um die Schlangen zu sehen. Aber es war das erste Mal das ich bei heißem Wetter spazieren ging mit einem Lunchpaket. Es sah wie eine Wanderung zwischen Himmel und Hölle aus.

Der Bär war ein ausgewachsener, männlicher Bär, der gerade in das Apartment 305 eingezogen war, drei Türen von mir entfernt. Als Geste des guten Willens, lud er uns alle auf demselben Flur ein, um uns einzubeziehen und verteilte Postkarten, eine Form der Höflichkeit, die es heute nicht mehr gibt. Er wollte sichergehen, dass die Menschen ihn mochten, dachte ich, aber er war wahrlich ein echter Bär-

Als wir vor meinem Apartment ankamen, entdeckten wir dass wir uns gar nicht so fremd waren. `Du bist nicht zufälligerweise, aus der X-Stadt, oder? Fragte er als er meinen Namen an der Tür sah. Es stellte sich heraus, das eine Person, die ihm einmal eine große Hilfe war, einen Onkel hatte, der ein städtischer Beamter war, dessen Nachname meinem ähnlich war. Als wir die Verbindung wenig später erkannten, kamen wir zum Schluss, dass dieser Offizielle und mein Vater Cousins zweiten Grades sein könnten. Eine schwache Verbindung war sicher, aber der Bär war dennoch tief bewegt, und er meinte das eine karmischen Verbindung zwischen uns möglich wäre. Mit seiner ganzen Art und Weise wirkte wie er ein altmodischer Bär.

Und so setzten der Bär und ich unsere Wanderung fort. Ich wusste nicht viel über das Königreich, und so konnte ich nicht sagen, ob es ein Kragenbär oder ein Sonnenbär war. Ich überlegte, ihn zu fragen, aber es erschien mir unhöflich zu sein. Auch wusste ich seinen Namen nicht. Als ich ihn fragte, wie ich ihn nennen sollte, dachte er einen Moment nach, und dann als er sicher war, das niemand zuhörte, sagte er: „Im Moment habe ich keinen Namen, und da anscheinend keine anderen Bären hier sind, denke ich brauche ich auch keinen. Ich würde bevorzugen, wenn du mich mit `du `anredest, aber stelle dir es als chinesischen Charakter vor. Aber eigentlich kannst du mich nennen wie du willst. Ich bin dir nicht böse.“

Ja, das war wirklich ein altmodischer Bär. Penibel denkt er über alles nach.

Die Straße zum Fluss führte durch ein Reisfeld. Es war eine asphaltierte Straße, und Autos fuhren von Zeit zu Zeit an uns vorbei. Sie verlangsamten ihr Tempo als sie uns sahen und machten einen große Bogen um uns. Keine Seele begegnete uns. Es war ein heißer Tag, und keiner arbeitete in den Reisfeldern. Das einzige Geräusch das zu hören, war das Kratzen der Bärentatzen auf dem Asphalt.

Ich fragte ihn, ob ihm heiß wäre.

„Nein, mir geht es gut. Spazierengehen auf dem Asphalt ist etwas ermüdend, aber noch fühle ich mich gut. Der Fluss ist nicht mehr weit. Danke für deine Fürsorge. Das ist sehr nett von dir. Aber wenn es dir zu warm ist, können wir eine Platz zum rasten suchen.“

Er fuhr in dieser Stimmung so fort, ein Bild der Solidarität. Ich trug einen großen Hut und konnte mit der Hitze gut umgehen, so sagte ich nichts. Aber in Wirklichkeit brauchte er eine Pause. Schweigend gingen wir weiter.

Plötzlich hörten wir aus der Ferne das rauschende Wasser. Als wir weitergingen, wurde es lauter, und endlich erreichten wir den Fluss. Viele Menschen waren am Ufer, einige schwammen, andere fischten. Ich stellte meine Tasche ab und trocknete mein Gesicht mit einem Handtuch ab. Die Zunge des Bären hing heraus und er keuchte leicht. Als wir dort standen, kamen zwei Männer und ein Junge auf uns zu. Alle drei trugen Badehosen. Der eine Mann trug eine Sonnenbrille, während der andere einen Schnorchel um den Nacken trug.

„Daddy, da ist ein Bär!“ schrie der Junge.

„Das ist richtig“, sagte der Schnorchel.

„Ein echter Bär!“

„Ein Bär! Ein Bär!“

So ging es eine Zeit weiter, Schnorchel stand im Schatten meines Gesichtes, aber den Bären schaute er nicht direkt an. Sonnengläser stand dagegen ganz ruhig dar. Das Kind zog am Fell des Bären und trat ihn. Dann rief er ´Treffer` und schlug den Bären hart in den Magen, bevor er wegrannte. Die Männer rannten ihm nach,

„Ach du meine Güte“, sagte der Bär, nachdem sie gegangen waren. „Weißt, du sie haben es sicher nicht böse gemeint.“

Ich sagte nichts.

„Ich meine Menschen sind so, Kinder handeln eben ohne Vorsatz.“

Bevor ich antworten konnte, rannte der Bär zum Uferrand.

Kleine Fische sprangen im Wasser auf und ab .Die Kühle des Wassers fühlte sich gut auf meinem Gesicht an. Bei genauerem Hinsehen, sah ich das die Fische in einem Schwarm schwammen, erst stromaufwärts, dann stromabwärts, als ob sie einer langen Schnur hingen. Diese Grenzen markierte ihr Revier. Der Bär beobachtete ebenso das Wasser. Sah er das gleiche wie ich? Vielleicht sah die Welt unter Wasser anders aus, wenn sie durch Bärenaugen gesehen worden.

Plötzlich gab es einen großen Klatscher als der Bär in den Fluss sprang. Auf der Hälfte des Sprungs stoppte er, tauchte seine rechte Pfote in den Strom und zog einen Fisch heraus. Der Fisch war dreimal so groß, als die wir schwimmen gesehen hatten.

„Wetten du bist überrascht?“ sagte der Bär als er zurückkehrte. „Ich hätte dich warnen sollen, aber meine Beine suchten ihren eigenen Weg. Gute Größe, nicht wahr?“

Der Bär hielt den Fisch hoch, seine Schuppen glitzerten im Sonnenlicht. Menschen die am Ufer angelten, zeigten in unsere Richtung, und sagten etwas zueinander. Der Bär strahlte triumphierend.

„Erlaube mir dir diesen Fisch zugeben, als Erinnerung an unserem gemeinsamen Tag.“

Der Bär öffnete seine Tasche, und kramte ein Bündel heraus und zog daraus ein kleines Messer und ein kleines Schneidebrett. Geschickte öffnete er den Fisch, nahm ihn aus und wusch ihn. Dann streute er eine Brise Salz darüber, der er für diese Gelegenheit mitgebracht hatte und legte ihn auf einen Blatt.

„Wenn wir ihn mehrmals umdrehen, dann können wir ihn essen, und dann nach Hause zurückkehren“, sagte er.

Der Bär dachte wirklich an alles.

Wir saßen im Gras und schauten auf den Fluss, und aßen unser mitgebrachtes Lunchpaket. Der Bär schnitt eine Scheibe vom Baguette ab und fügte ein Pate und eine Radieschen dazu, während ich Reisbällchen mit eingelegten Pflaumen in der Mitte hatte. Zum Dessert gab es für jeden eine Orange. Es war ein gemütliches Essen.

„Soll ich dir deine Orange schälen?“ fragte er mich, als wir fertig waren. Ich gab sie ihm, daraufhin drehte er mir den Rücken zu und schlang sie hinunter-

Der Bär fing an den Fisch zu wenden, dann wusch er sorgfältig das Messer, das Schneidebrett und die Tassen mit dem Wasser vom Fluss. Nachdem er sie abgetrocknet hatte, zog er ein großes Handtuch aus seiner Tasche und gab es mir.

„Bitte nimm es, wenn du ein Nickerchen machen möchtest. Ich mache einen kleinen Spaziergang. Würdest mir vorher eine Schlaflied singen bevor ich aufbreche?“ fragte er mich ernsthaft.

Ich sagte ich, dass ich auch ohne Schlaflied einschlafen könnte. Er war offensichtlich enttäuscht, doch einen Augenblick später, ging er stromaufwärts spazieren.

Als ich aufwachte waren die Schatten der Bäume länger geworden und der Bär schlief an meiner Seite. Kein Handtuch bedeckte seinen Körper und er schnarchte er leise. Nur noch wenige Menschen waren am Ufer. Sie alle angelten. Ich legte das Handtuch über den Bär und wendete den gesalzenen Fisch. Da waren nun drei Fische, wo vorher einer war.

„Was für ein schöner Ausflug!“, sagte der Bär, als wir vor dem Apartment 305 standen und er seinen Schlüssel aus der Tasche zog. „Ich hoffe wir können das noch einmal wiederholen“

Ich nickte. Ich dankte ihm für alles und er winkte ab.

„Gern geschehen“, antwortete er.

„Na, dann“ sagte ich um zu gehen,

„Nun“, zögerte er schüchtern.

Ich wartete dass er ging, aber er stand immer noch vor meiner Tür. Er war wirklich ein massiver Bär. Ein gurgelndes Geräusch kam aus seiner Kehle. Als er zu reden anfing, klang seine Stimme ganz menschlich, aber wenn er sich räusperte und brummte in dieser Art, oder lachte, klang er wie ein echter Bär.

„Meinst du wir könnten uns umarmen?“ fragte er schließlich. „Wo ich herkomme machen wir das, wenn wir uns verabschieden, und uns jemanden eng verbunden fühlen. Wenn du diesen Gedanken nicht magst, müssen wir es nicht machen.“

Ich stimmte zu. Der Bär trat einen Schritt nach vorne, breitete seine Arme aus, und umarmte mich. Dann drückte er seine Wange an meine. Ich nahm den Geruch des Bären war. Er wechselte die Wangenseite und drückte mich erneut. Sein Körper war kälter als ich erwartete.

„Ich hatte eine wundervolle Zeit. Ich fühle mich als wäre ich von einer Reise zurückgekehrt. Möge der Bärengott dich segnen. Oh, ja und denke daran das der gesalzenen Fisch sich nicht lange hält.“

Zurück in meinem Apartment grillte ich den Fisch und nahm ein Bad. Dann schrieb ich ein bisschen in meinem Tagebuch bevor ich zu Bett ging. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ein Bärengott aussehen könnte, aber das lag jenseits meiner Vorstellung. Alles in allem, hatte ich einen wunderbaren Tag.

 

© Zusammengefasst und übersetzt aus meiner eigenen Feder A.M.G.

http://granta.com/god-bless-you-2011/

 

Sicher habt ihr Euch gefragt, wer Hiromi Kawakami ist. Ich möchte Euch die Autorin kurz vorstellen, damit ihr ein Gefühl für Ihr Schreiben bekommt.

Geboren wurde sie 1. April 1958. Sie studierte Biologie, schrieb eine Doktorarbeit über Seeigel, unterrichtete an einem Gymnasium, heiratete und zog eine Tochter groß.

Ihre Romane wurden als nicht realistisch bezeichnet, enthalten viel vom japanischen Alltag Japan nach dem Ende der sogenannten Bubble Economy, die dem Land in den achtziger Jahren einen fast unverschämten Reichtum beschert hatte.

 

 Infokasten

Bubble Economy

Unter eine Bubble Economy wird eine Volkswirtschaft verstanden, die zunächst von einer Spekulationsblase profitiert, und wächst, nach dem Platzen der Blase jedoch unter den Auswirkungen der wirtschaftlichen Rückschläge; bekanntestes Beispiel ist der japanische Aktien- und Immobilienmarkt der zweiten Hälfte der 1980er Jahren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bubble_Economy

 

 

Wie die Menschen in der japanischen Wirklichkeit sind viele der von Kawakami entworfenen Figuren von der allgemeinen Unsicherheit und Perspektivlosigkeit erfasst, versuchen aber gleichzeitig, an herkömmliche Formen und Werten festzuhalten und ihre Felle ins Trockene zu bringen. Einige von ihnen sind Singles, andere geschieden oder überlegen eine Trennung von Partner. Meistens schreibt sie aus weiblicher Perspektive oder bezieht sich auf eine Frauenfigur.

Diese Frauen jungen oder mittleren Alters arbeiten in einem Büro oder jobben, kümmern sich aber auch um den Haushalt, kochen oder essen gern (nicht immer beides).

Kawakamis Vertrautheit mit dem Hauswesen spürt man in vielen ihrer Texte, die Achtsamkeit für Gebrauchsdinge und Atmosphären gehört zu ihren Stärken als Autorin, sie schätzt und liest Mangas seit ihrer Kindheit und hat eine Faible für phantastische Literatur.

Darum hat Hiromi Kawakami nicht von ungefähr, den Bärengott ausgewählt. Der Geisterglaube lebt im hochmodernen Japan fort. Viele gehen zum Shinto-Schrein und bitten den zuständigen Gott um gutes Gelingen oder um einen geeigneten Ehepartner zu finden.

Das Besondere an Kawakamis Bärengeschichte liegt vielleicht darin, dass das Außerordentliche und das Gewöhnliche darin vollkommen selbstverständlich und unkommentiert nebeneinander stehen.

Auch wenn sie die Geschichte umgeschrieben hat, weil sie tief betroffen war, lassen sich die Geschichten kurzweilig lesen.

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